
Etwa jede vierte Ehe in der Bundesrepublik scheitert. Hinter dieser nüchternen Zahl, auch Scheidungsquote genannt, verbergen sich Dramen, Tragödien, Tragik, Tragikomödien. Die Liebe, auch die verblühte, ist ein einfallsreicher Regisseur auf der menschlichen Bühne. Ein Anwalt hat in dem im Jahr 1976 veröffentlichten Buch von Fritz Willig „Miteinander – Auseinander“ 20 authentische Scheidungsfälle kompetent, unterhaltsam, kurzweilig und launig beschrieben, die beispielhaft sind für das Thema Scheidung. Der LeineBlitz wird diese 20 Scheidungsfälle in einer Serie jeden zweiten Sonntag veröffentlichen. Fritz Willig, 1941 geboren und in Laatzen aufgewachsen, hat sich als Rechtsanwalt in aufsehenerregenden Wirtschafts- sowie Mordprozessen sowie in zahlreichen Familien- und Scheidungsangelegenheiten einen guten Namen über die Stadtgrenzen hinaus erworben. Überdies wurden bisher 13 Bücher von ihm veröffentlicht. Heute geht es um „Die Hausperle“.
Es gibt Frauen, auch wenn dieser Typ seltener geworden ist, die stricken das Leichentuch für ihre Ehe. Es sind nur Hausfrauen aus dem Courths-Mahler-Bilderbuch. Der Haushalt ist für sie kein Arbeitsplatz, sondern Endstation Sehnsucht. Einmachen ist keine Art der Vorratshaltung, sondern Mission. Und Stricken, Häkeln, Sticken ist keine kunstsinnige Beschäftigung, sondern Erfüllung. Rausch, Lebensmitte. Wer eine solche Gefährtin an seiner Seite hat, kann ein erfülltes Dasein führen. Falls er sich unauffällig noch etwas fürs Herz zulegt. Beamte des mittleren-gehobenen Dienstes reagieren auf ihre häuslichen Schwierigkeiten gemeinhin nicht damit, dass sie auf die freie Wildbahn ausweichen. Der Obersmtmann (52), der mich aufsuchte, ein korpulenter Herr mit gelichtetem, grauem Haar, grauem Augen und grauem Anzug (es fehlen nur noch die Ärmelschoner) – ein Typ in Grau, zuverlässig, nüchtern, mit dem gemäßigten Puls des Bürokraten, besaß nicht die Fähigkeit, neben seiner rund um die Uhr strickenden Gattin (falls sie nicht gerade bohnerte) munter herzuleben.
Vor 19 Jahren hatten sie geheiratet; das junge Mädchen, acht Jahre jünger als der aufstrebende Inspektor, eine brave, etwas mollige Brünette, arbeitete in seinem Haushalt. Beim Schützenfest trafen sich die beiden zum ersten Mal, sie aßen eine Bratwurst zusammen – und danach ging es holterdipolter.
Der Inspektor, kenntnisreich in seinem Fach (kommunale Finanzen), doch nicht übermäßig erfahren in den Dingen der Liebe, erfreute sich an den bescheidenen, mütterlichen Wesen. Sie heirateten, und selbst das Hochzeitsessen bereitete die junge Frau eigenhändig zu. Anschließend ließ sie sich auch nicht davon abbringen, mit ihrer Schwägerin das Geschirr zu spülen. Sie war – sämtliche Gäste bestätigen das – für wahr eine hinreißende Hausfrau. Erst Jahre später dämmerte dem Ehemann, mittlerweile zum Amtmann befördert, dass er keine Frau, sondern eine perfekte Hausangestellte, eine so genannte Perle, geehelicht hatte. Die verwöhnte ihn mit Hingabe: Er trug nur selbstgestrickte Pullover, der Fußboden ihrer Wohnung glänzte allezeit wie ein Tanzparkett kurz vor dem ersten Walzer, und die Gerichte, die auf den Tisch kamen, waren von deftiger Art, wie Männer sie mögen. Eine Perle.
Nach sieben Ehejahren hing dem Mann die Perle zum Hals heraus. Er dachte an Scheidung, aber dann fehlte ihm der Mut. Was sollte er auch gegen seine Frau für Gründe vortragen, sie zerrieb sich für ihn und ihren Haushalt, und dass sie kinderlos blieben, lag an ihm, laut ärztlichem Attest. Mit einer solchen Gefährtin, deren Sanftmut nur noch von ihrer perfektionistischen Haushaltsführung überboten wurde, kann man keinem deutschen Scheidungsrichter kommen. Hausfrauliche Spitzenqualitäten gelten in diesem Land nicht als Scheidungsgrund, im Gegenteil.
Mit den Jahren aber wurde aus ihrer Leidenschaft, unentwegt zu stricken, eine regelrechte Manie. Selbst bei Vorträgen in der Volkshochschule über Haushaltsrechtsfragen, sein Lieblingsgebiet, griff sie zum Strickzeug. Er hat sie mitgenommen, um ihren geistigen Horizont zu erweitern. Es traf sein Herz, dass sie, zwei links, zwei rechts, an einer neuen Hausjacke arbeitete, während der Redner über die Feinheiten fiskalischer Tätigkeit referierte.
Wahrscheinlich hätte der strebsame Beamte auch den Rest seiner Ehe samt klappernder Stricknadeln resigniert ertragen. Aber dann stieg in seiner Wohnung die Beförderungsfeier zum Oberamtmann. Er hatte zahlreiche Kollegen mit ihren Damen eingeladen, darunter auch seinen Vorgesetzten, einen Stadtrat. „Tisch das Allerbeste auf“, sagte er zu seiner Frau. „Der Chef soll sich noch lange an diesen Abend erinnern (was er dann auch tat)“.
Tatsächlich präsentierte seine Gattin eine hausfrauliche Spitzendarbietung. Das Essen war exzellent (klare Fleischbrühe, Rinderzunge in Madeira, Schmorbraten mit Klößen), doch die Gäste waren noch nicht ganz fertig, da räumte sie schon das Geschirr ab, um tatkräftig ans Spülen zu gehen. Auch saugte sie noch zweimal vor Mitternacht den Flur, was bei den Gästen eine ungemeine Erheiterung hervorrief. Der frischgebackene Oberamtmann saß mit zerquältem Lächeln daneben.
Es gibt einen Moment, da explodiert der stabilste Kessel. Es ist lediglich eine Frage des Überdrucks, ein Strich zu viel, und jede Sicherung bricht. Dieser Strich zu viel kam bei dem Oberamtmann, als Mitternacht längst vorüber war, und das Fest deutlich seinem Höhepunkt zustrebte. Endlich saß er allein neben seinem Chef, im vertraulichen Gespräch vertieft. Dem Stadtrat, ein Mann mit einem zügigen Zug im Arm, beim Heben des Glases, war das Bier ausgegangen. „Hol doch noch ein paar Flaschen aus dem Kühlschrank“, bat der Oberamtmann seine Frau. Dann gab er sich wieder ganz dem Tête-à-Tête mit seinem Chef hin.
„Wo bleibt denn bloß Ihre Gattin mit dem Bier?“, wollte der Stadtrat nach etwa zehn Minuten wissen. „Entschuldigung“ murmelte der Oberamtsmann und begab sich in die Küche. Das Bild das ich ihm bot, muss eine psycho-elektrische Zündung ausgelöst haben. Der Ehemann brüllte auf und ohrfeigte seine Frau, die neben dem Kühlschrank saß und strickte, nicht ohne Energie. Laut weinend lief sie ins Schlafzimmer, die Gäste verabschiedeten sich rasch.
Die Ehe der beiden wurde geschieden, vor allem die sanftmütige Hausfrau (die war nach jenem Abend zu ihrer Mutter gezogen) hatte darauf bestanden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Tag, an dem sich ein Oberamtmann nach dem Geräusch klappernder Stricknadeln zurücksehnt.